Stefan Hartung | Der Winzer

Lebensgut in Cobstädt will alte Weinsorten kultivieren

Lebensgut in Cobstädt will alte Weinsorten kultivieren

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Lebensgut in Cobstädt will alte Weinsorten kultivieren

Pflanzt neuen Weinberg in Cobstädt: Stefan Hartung will vor allem heimische Rebsorten erhalten. Am Samstag startet er auf dem Lebensgut Cobstädt sein Projekt. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Pflanzt neuen Weinberg in Cobstädt: Stefan Hartung will vor allem heimische Rebsorten erhalten. Am Samstag startet er auf dem Lebensgut Cobstädt sein Projekt. Foto: Klaus-Dieter Simmen

Am Samstag erfüllt sich auf dem Lebensgut in Cobstädt ein langgehegter Wunsch: Die ersten Rebstöcke für einen stattlichen Weinberg werden gepflanzt. Und da sich der Verein die Rettung alter Obst- und Gemüsesorten auf die Fahnen geschrieben hat, kommen natürlich nicht irgendwelche Pflanzen in den Boden.

Kreis Gotha. Es sollen alte und vornehmlich im Gebiet heimische Rebsorten sein. Am Ende werden auf dem flachen Hang einmal 300 Rebstöcke stehen. Am Nachmittag pflanzen die Lebensgut-Freunde die ersten 20. Bei der Aktion greift auch Stefan Hartung zum Spaten. Aus gutem Grund, denn er ist Winzer und wird den Cobstädter Wingert betreuen.

Beim Winzer in die Lehre

Nach dem Abitur wollte der gebürtige Erfurter etwas studieren, das mit sozialer Arbeit zu tun hat. Der Numerus clausus machte ihm einen Strich durch die Rechnung. Also verdiente er sein Geld zunächst im Seniorenheim. Und um diese Zeit begann er, Wein zu sammeln. Das brachte ihn letztlich, weil man ja schließlich etwas ordentliches Lernen muss, auf die Idee, bei einem Winzer in die Lehre zu gehen. Der damals 20-Jährige schrieb eine Reihe von Bewerbungen, die allesamt auf Desinteresse stießen. Nur Paul Streng aus Sulzfeld in Franken lud Hartung auf ein Gespräch ein. Das kleine Weingut brauchte durchaus einen Lehrling. Allerdings sollte er als künftiges Familienmitglied auch soziale Kompetenz mitbringen. Und da hatte der Erfurter eine ganze Menge Referenzen vorzuweisen. So blieb er ein paar Tage auf Probe, dann bis zum Ende seiner Lehrzeit. Vom Main wechselte er danach zur Hochschule Geisenheim, wo Stefan Hartung vier Semester Internationale Weinwirtschaft studierte. Bis er jäh zurück in seine Heimat musste. Der in Afrika lebende Onkel starb plötzlich, seine zwei fünf und sechs Jahre alten Kinder holte sich Stefans Mutter nach Thüringen. Und weil sich die Erfurter Wohnung als zu klein erwies nach dem Familienzuwachs, fand sich schließlich in Tüttleben bei Gotha ein neues Domizil. Mit Garten und all den Dingen, die sich Kinder zum Spielen wünschen. Um seine Mutter in der schwierigen Situation zu unterstützen, sagte der Sohn dem Weinbau ade. Jedenfalls fast. Denn auf dem Dorf nahe Gotha richtet er eine Weinhandlung ein. Nicht irgendeine. „Im Garten habe ich einen kleinen Wingert“, erzählt Hartung, „wo ich den Besuchern unterschiedliche Rebsorten präsentiere.“ Wein wird aus den Trauben allerdings nicht, die verspeisen Nichte und Neffe, sobald sie reif sind. Aber Seminare will er in Tüttleben halten, vornehmlich solche, wo es Wein geht, aber auch Rebstöcke und ihre Pflege will er seinen Kunden nahe bringen. Schließlich will er demnächst auch damit handeln.

Doch all das geschieht vorläufig noch nebenbei, denn gegenwärtig studiert Stefan Hartung in seiner Heimatstadt Gartenbau. „Ich weiß noch zu wenig von den Pflanzen“, sagt er. Denn wer alte Rebsorten kultivieren will, muss mehr wissen, als ein Winzer, der Wein produziert. Für den künftigen Cobstädter Weinberg waren Mitstreiter aus dem Lebensgut in Thüringen unterwegs, um Edelreiser aus Rebstöcken zu gewinnen, die seit vielen Jahrzehnten, manchmal sogar schon mehr als über einhundert Jahre Bauernhäusern zieren. „Wir gingen daran, 150 Stück zu veredeln, nur etwas mehr als 20 Reiser haben sich entwickelt.“ Für Hartung eine gute Quote. „Dieser Teil der Ausbildung hat gerade mal einen Unterrichtstag ausgemacht. Da arbeite ich auch viel mit Versuch und Irrtum.“ Das Lebensgut Cobstädt und sein Winzer stehen mit Andreas Jung in Verbindung. „Der Biologe hat schon viele historische Rebsorten wiederentdeckt, und ich denke, seine Erfahrung wird uns beim Aufbau des Weingartens helfen.“

Keine Kelterei für den Verkauf

Wer jetzt hofft, irgendwann einmal eine Flasche Cobstädter Sonnehügel (oder wie auch immer benamt) entkorken zu können, muss enttäuscht werden. „Die Rebsorten hier stehen nicht in der Bundessortenliste, also darf man keinen Wein daraus keltern, jedenfalls nicht für den Verkauf“, erzählt der Tüttleber Winzer. Und selbst wenn sie in der Sortenliste stünden, dürfte nicht produziert werden, weil Cobstädt gar kein Weinanbaugebiet ist. Daran ändert es auch nichts, dass im Mittelalter auch in dieser Region eifrig Wein angebaut und vergoren wurde. „Unser Anliegen“, sagt Hartung, „ist der Erhalt von Rebsorten, die hier einst das Bild in den Weingärten bestimmt haben.“ Und das entspricht schließlich auch dem Credo vom Lebensgut. Das Gemeinschaftsprojekt, das Anfang 2004 von Freunden als Netzwerk entwickelt wurde, verfügt mittlerweile über einen Genpool von mehr 1000 verschiedenen Obstsorten und eine Saatgutbank mit einem seltenen Sortiment an alten Getreide- und Gemüsesorten. Da ist die Pflanzung von Rebstöcken am samstäglichen Nachmittag doch nur folgerichtig.

 Klaus-Dieter Simmen / 21.09.13 / TA

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